Retrodesign.

bisher gab es hier keine rezensionen zu büchern, die sich mit design und gestaltung auseinandersetzen. doch zu diesem grandiosen werk muss ich einfach meine meinung kundtun …
denn die begeisterung zu einem buch hat nicht auschließlich mit dem inhalt zu tun, wie es bei belletristik wohl vorrangig der fall ist. nein, wenn man – wie ich – bücher so sehr liebt, dann liebt man auch das buch ansich. und wenn man eine derartige einstellung insich trägt und möglicherweise noch nie etwas von einem verlag wie herrmann schmidt gehört hat, dann fühle ich mich an dieser stelle regelrecht berufen, dies sofort zu ändern.
denn dieser verlag hat solch wunderbare bücher in seinem programm, dass man sie am liebsten alle auf einmal besitzen möchte. dagegen spricht natürlich auch nichts. wenn man jedoch ersteinmal in die welt dieser herrlichen kostbarkeiten aus papier hineinschnuppern möchte, dann sollte man vielleicht mit diesem hier beginnen: die rede ist von RETRODESIGN und es ist ein schier wunderbares buch.
und deshalb möchte ich, bevor ich zum eigentlichen inhalt übergehe, noch ein paar worte zur aufmachung verlieren. viele werden womöglich erstmal ein wenig zurückschrecken, wenn sie den preis des ganzen zu gesicht bekommen. 89 euro ist zugegeben nicht gerade wenig. aber dafür bekommt man auch einiges geboten. eine perfekte verarbeitung, schöne formen der veredelung, wie beispielsweise die prägung im umschlag. ein geniales detail ist sicherlich auch der schwarze buchschnitt mit den aufgedruckten piktogrammen. nicht zu vergessen, es wurde auf sehr hochwertiges papier gedruckt und auch die gestaltung gibt ebenfalls keinerlei anlass zur kritik. dezent hält sie sich im hintergrund und lässt dem eigentlichen inhalt genug platz zum atmen.

und so will ich nun auch endlich zum inhalt übergehen. eigentlich scheint der titel ja schon das meiste zu verraten: hier geht es wohl um „retro“ und „design“. ich trenne diese worte bewusst, denn gerade ersteres ist wohl immer wieder zu hören. der begriff „retro“ ist immer wieder in aller munde. und dies natürlich nicht nur, wenn es um das thema gestaltung geht. nein, auch in der mode, musik, bei möbeln oder autos. immer wieder denkt man sich, das gab es doch schon mal … richtig. seit jahren werden schon dagewesene stile übernommen, manchmal hat man den eindruck, sie werden kopiert, richtiger wäre aber wohl die bezeichnung, dass vieles „zitiert“ wird. bedeutet der designer hält sich an vorgaben vergangener zeit und versucht daraus etwas neues, einzigartiges zu schaffen.
„retrodesign“ ist die arbeit von sara hausmann und achim böhmer. und die beiden haben es sich hier gezielt zur aufgabe gemacht, den begriff „retrodesign“ näher zu beleuchten, als die grundlegende bedeutung vorrangig vermuten lässt. und wie der einleitungstext sehr gut verrät ist dieses werk eine art zeitreise durch die verschiedenen stile. beginnend mit dem dekonstruktivismus, der postmoderne, über punk, pop, space age, der schweizer schule, dada, plakatstil bis hin zur renaissance, um nur einige zu nennen.
um ehrlich zu sein, es ist schwer dieses werk mit worten zu beschreiben. meiner meinung nach ist es sogar nahezu unmöglich. man muss sich viel zeit nehmen, muss dieses buch durcharbeiten, entdecken und genießen. letzteres war eindeutig bei mir der fall. ich persönlich war beispielsweise unheimlich fasziniert, als ich mir die gegenüberstellungen vergangener designepochen mit neuen arbeiten genauer ansah. die beispiele sind fabelhaft gewählt und ich war oftmals mehr als überrascht, welche elemente doch über die jahre hinweg immer wieder zitiert wurden.
zugegeben fand ich die teile zum thema „typografie“ am interessantesten. das mag daran liegen, dass ich gelernter schriftsetzer bin. als ich vor 20 jahren meine ausbildung begann, fand ich das, was mir da gelehrt wurde, immer langweilig. doch mittlerweile habe ich erkannt, dass mich meine damaligen ausbilder auf den richtigen weg geführt haben. denn erst wenn man über die grundlegenden kenntnisse verfügt, ist man irgendwann in der lage, diese auch auf eine neue, andere, modernere art und weise einzusetzen.
seinerzeit mochte ich beispielsweise die schrift „helvetica“ so ganz und gar nicht leiden. heute zählt sie uneingeschränkt zu meiner lieblingsschrift und wenn es nicht unbedingt sein muss, verwende ich auch keine andere. um auf das buch zurückzukommen, gerade die zeitspanne der „schweizer schule“ ist immer noch meine auffassung von perfektem design.
auch sehe ich „retrodesign“ für mich als schier unerschöpfliche inspirationsquelle. und ich bin mir sicher, ich werde dieses buch immer und immer wieder zu rate ziehen. eigentlich genügt mir hierfür schon der erste teil, die gegenüberstellungen. doch wer genauer informiert sein möchte, der findet im bereich „charakteristik“ und „zeitimpuls“ noch weitere, mehr als interessante vergleiche und anschauungsbeispiele.
eigentlich verdient es dieses buch, dass man detalliert darüber berichtet. ich bin aber der meinung, keine noch so gut formulierte meinung kann dem inhalt gerecht werden. jedes zuviel gesagte wort, würde womöglich den ein oder anderen davon abhalten, sich dieses buch zu kaufen. deshalb spare ich mir weitere worte. was von meiner seite aus bleibt ist eine uneingeschränkte empfehlung und der wunsch, dass dieses prachtwerk viele käufer finden wird. und wer nun immer noch daran zweifelt, dem rate ich, die nächstgelegene buchhandlung aufzusuchen und wenigstens einmal in das werk hineinzuschnuppern. wer dann noch kein interesse daran findet, nun gut, dem kann dann wirklich nicht geholfen werden.
bewertung: 5/5
weitere informationen zum buch: www.retrodesign-stylelab.com
retrodesign kann direkt beim verlag bestellt werden.

