SAM SAVAGE – FIRMIN.

mag sein, dass nur ich diesen eindruck hatte, aber als ich dieses buch zum ersten mal liegen sah, dachte ich erstmal, es handle sich um eine geschichte aus der ecke der „phantastischen“ literatur …

… was letztendlich auch nicht falsch ist, sprechen wir hier schließlich vom leben einer ratte und somit natürlich von etwas „eher“ unrealistischem … vielleicht sollte ich es also genauer formulieren. die covergestaltung und der klappentext entlockten mir den gedanken an eine story im stile von beispielsweise einem walter moers. also „schräge“ literatur, die auch mit einem gewissen ungewöhnlichen humor behaftet ist. doch der roman firmin von sam savage ist alles andere als humorvoll. im gegenteil, es handelt sich hierbei um eine durchwegs traurige, mehr als melancholische geschichte …

„hätte er ein tagebuch der schmerzen geführt, dann hätte er bloß ein einziges wort eingetragen: ich.“

dieses wunderbare zitat von philip roth beschreibt den inhalt des buches mehr als perfekt. denn das leben der ratte firmin ist tatsächlich „die traurigste geschichte, die ich je gehört habe“. oder wenigstens sieht das der ich-erzähler, also die ratte selbst, so und verbaut diesen verweis (auf der suche nach dem perfekten ersten satz) in den prolog seiner erzählung.
von anfang an hat es der nager nicht leicht. er kommt als 13. junges zur welt und nachdem seine alkoholkranke mutter nur zwölf zitzen hat, hat er oft das nachsehen bei der nahrungsvergabe. also sucht er nach alternativen. nachdem sich die rattenfamilie im keller eines buchladens eingenistet hat, findet firmin bald sein „fressen“ in form von papier. irgendwann bemerkt er allerdings, dass diese bücher nicht nur seinen hunger stillen sondern auch deren inhalt sein leben bereichern kann. er beginnt zu lesen …

und wir beobachten ihn dabei und erhalten so ganz nebenbei einen wunderbaren überblick über die meisterwerke der weltliteratur. ob man diese verweise nun letztendlich als bereicherung der geschichte ansehen möchte oder sie eher als „ausbremsen“ der handlung sehen mag, bleibt jedem leser selbst überlassen. mich haben sie nicht gestört.
jedenfalls entfernt sich firmin nach und nach von seinen artgenossen und flüchtet sich mehr und mehr in die welt der bücher. ebenso nähert er sich einer ganz anderen „spezies“, nämlich der des menschen. er beobachtet sie tagtäglich von einem aussichtspunkt des ladens, vorrangig aber einen von ihnen, den buchhändler namens norman. dieser wird zu seinem imaginären freund, klar ist er doch quasi der beschaffer des stoffs, der firmin in eine andere welt entführen kann. doch als norman die ratte sichtet und sie vergiften möchte, gerät firmins neue welt schwer ins wanken. er flüchtet sich nach draußen, wird auch hier natürlich nicht als das verstanden, was er sich vorstellt, gerät in gefahr und wird glücklicherweise von einem heruntergekommenen schriftsteller gerettet.

bei ihm lebt firmin lange zeit und eine wirkliche freundschaft beginnt. auch wenn die verständigung und die ansichten der beiden natürlich niemals zu einer übereinkunft gelangen können, so kümmert sich dieser mensch doch rührend um seinen neuen mitbewohner …

eigentlich habe ich schon viel zu viel von der geschichte erzählt. es gäbe noch viel mehr zu berichten, wirklich schöne kleine sequenzen, die trotz ihrer melancholie (oder gerade deshalb!) schlichtweg wunderbar sind, doch dann müsste wohl niemand mehr dieses buch lesen.
dies alles klingt nach einer eindeutigen empfehlung, aber nein, gänzlich begeistert war ich leider nicht. der roman hat, trotz des geringen umfangs, dann doch einige längen und schwächen und manche teile lösten in mir ein klein wenig unverständnis aus. denn letztendlich weiß ich nicht wirklich, was mir der autor mit seinem werk eigentlich sagen möchte. vorrangig liest sich das ganze natürlich als text über die liebe zu büchern und zur literatur, was ich als büchernarr natürlich sehr schön fand. was mir nicht gefallen hat, oder besser gesagt, mich nicht interessiert hat, war der „untergang“ des viertels in boston der 60er jahre, in dem savage seine handlung ansiedelt. und das offene ende, welches dann doch noch einige fragen offen lässt und mich als leser erstmal im regen stehen lies.

positiv zu erwähnen ist widerum die schöne sprache der ratte, entschuldigung, des autors. der roman liest sich sehr flüssig und auch wenn – zugegeben – nie wirklich spannung aufkommt, bereitet es durchwegs viel freude, den ereignissen zu folgen.
nicht zu vergessen ist außerdem die schöne aufmachung des buches, allen voran natürlich der „rough cut“, welcher perfekt zum inhalt des romans passt. zum einen erinnert er in diesem fall ein wenig an heruntergekommene, alte bücher, man könnte aber auch ganz zufällig an eine ratte denken, die nur die ränder des buches angefressen hat, damit der eigentliche inhalt noch erhalten bleibt. eine wirklich schöne idee für ein letztendlich auch durchaus lesenswertes buch. (bewertung 3,5/5)

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