HELMUT KRAUSSER – DIE KLEINEN GÄRTEN DES MAESTRO PUCCINI.

langsam habe ich den eindruck ich werde, was die auswahl von guten büchern betrifft, ein klein wenig vom pech verfolgt …

denn die kleinen gärten des maestro puccini ist leider auch wieder ein buch, bei dem ich mich zwingen musste, es zu ende zu lesen. wäre dies nicht wieder der grund eines „gemeinsamen lesens“ gewesen, ich hätte den roman wütend in die ecke geworfen.

im nachhinein hätte ich es auch tun sollen, denn solch langweilige und enttäuschende stunden musste ich schon lange nicht mehr mit bedrucktem papier verbringen.
dabei klang auch in diesem fall wieder alles so unglaublich vielversprechend. in unendlich vielen kritiken wurde dieses werk als bemerkenswert bezeichnet. sogar frau heidenreich hat in höchsten tönen davon geschwärmt. hierzu muss ich ganz nebenbei anmerken, dass ich seit einiger zeit ihre auswahl an lesenswerten titeln nicht mehr teilen kann …
auch helmut krausser wird derzeit als einer der besten zeitgenössischen autoren deutschlands gefeiert. leider war dieser roman das erste werk, welches ich von ihm gelesen habe und wird nach der lektüre wohl auch das letzte gewesen sein. dabei hielt ich immer so viel von diesem autor. seine kolumnen im „bücher“-magazin lese ich liebend gerne und schätze sehr, wie er auf wunderbare art und weise seine liebe zu „klassikern“ auszudrücken vermag. krausser ist schon fast ein multitalent, er schreibt also buchbesprechungen, natürlich romane und zuletzt hat er sogar einen gedichtband veröffentlicht. ein wahrer könner seines fachs und genau dies ist wohl der grund, warum mir „puccini“ nicht gefallen hat. denn meiner meinung nach „prahlt“ der autor regelrecht mit seinem können!

es ist zum einen der aufbau des buches. auf dem umschlag ist die bezeichnung „ROMAN“ zu finden. und genau dies ist das ganze ganz und gar nicht! alle, die dieses werk auch gelesen haben, werden jetzt womöglich innerlich aufschreien und sagen: „naja, aber HALT! am ende sagt der autor doch selbst, es handle sich um die form des „dokumentarromans“!“ hätte er diese „kleinigkeit“ doch nur an den beginn des ganzen gestellt, vielleicht wäre mein leseempfinden ein anderes geworden.

denn unter einem ROMAN stelle ich mir ganz und gar anderes vor. hinter einem roman darf sich der autor verstecken. in einem roman braucht er nicht auf jeder seite den text mit anmerkungen zu versehen und beweisen, was „wahr“ und „erfunden“ ist. das soll er bitte dem leser selbst überlassen. aber nein, helmut krausser spickt sein werk regelrecht mit verweisen und vor allem mit beweisen, die mich persönlich mehr als genervt haben. denn, wenn ich einen roman lese, dann ist es mir erstmal vollkommen egal, was hier erfunden wurde und alles andere ist für mich eher eine art erhobener zeigefinger, mit dem der autor beweisen möchte: „schaut mal her, wie toll ich schreiben kann! schaut mal, welche erzählformen ich beherrsche! schaut mal, was ich alles weiß! schaut mal, wie gut ich recherchiert habe!“

zugegeben, das hat er! und letztendlich besteht auch gar kein zweifel daran. aber, um himmels willen, wenn ich eine bis ins detail ausgearbeitete lebensgeschichte lesen will, dann greife ich zu einer ganz und gar anderen gattung von literatur, nämlich zu einer BIOGRAFIE. und genau dies ist dieses buch für mich. es ist zu 80 % eine gut recherchierte biografie und nur zu 20 % ein roman. und hier komme ich schon zum nächsten knackpunkt. wenn mir ein roman vorgesetzt wird, dann möchte ich unterhalten werden. wenn ich mich informieren möchte, dann greife ich zum sachbuch.
dabei geht es auch anders: colum mccann hat es mit seinem „tänzer“ perfekt vorgemacht. ein wunderbares, ein geniales buch. unglaublich unterhaltsam, meist extrem spannend und ergreifend. größtenteils erschreckend kraftvoll erzählt. und mccann hat es geschafft, die grenzen zwischen wahrheit und fiktion zu verwischen. nur an ganz wenigen stellen überlegt man, ob sich das ganze nun wirklich so zugetragen haben könnte. und am ende ist es vollkommen egal, denn man weiss, man hält einen „roman“ in den händen.

zurück zu krausser. er erzählt das leben und lieben eines der größten komponisten die jemals gelebt haben. puccini hat mich schon immer begeistert. und jedes mal wenn ich eines seiner begnadeten stücke zu hören bekomme, gerate ich regelrecht in sehnsüchtiges, gar melancholisches schwärmen. dann stelle ich mit unendlicher faszination fest, welch ein genie dieser mann gewesen sein muss, um solche herrlichen melodien zu erschaffen. was ich damit sagen möchte: das leben des „maestro“ hat mich durchaus interessiert. aber so uninteressant, so langweilig, so flau, so emotionslos wie krausser es mir beschreibt … ich weiss nicht, ob puccini das verdient hat.
hier geht es größtenteils um schicksale! es geht um die große liebe und den oftmals daraus entstehenden kummer. doch der autor beschreibt das ganze mit solch einer nüchternen sachlichkeit, dass es mir vollkommen egal war, wer hier wen bekommt, wer zu leiden hat und und und … auch konnte mich keine der personen auf irgendeine art und weise auch nur ansatzweise berühren. mir waren schlichtweg alle blass, uninteressant und vor allem unwichtig.

bei all dieser vernichtenden kritik sei nochmal angemerkt, dass ich den autor durchaus als könner bezeichne. doch gerade durch dieses so offensichtlich hervogehobene talent bremst er sich selber aus und nimmt vor allem dem buch jeglichen aufkommenden funken an „geschwindigkeit“. auch der ständige wechsel der stilform erschwert den lesegenuss. ist man vorübergehend in einer szene gefangen wird dies nach ein paar seiten z.b. durch den einschub in form eines briefes zunichte gemacht.
oder eben von, oben schon erwähnten, anmerkungen des autors. ein beispiel:

elvira schreibt der engländerin im ihr typischen, nicht leicht durchschaubaren geflecht grammatischer bezüge, daß sie (sybil) bloß nicht von dem glauben solle, was er (giacomo) ihr erzähle, es seien alles lügen, so wie sie (elvira) seinen lügen nie geglaubt habe, und sie (sybil) wisse am besten, daß es lügen gewesen seien, was er, früher zumindest, sie (sybil) und ihn betreffend, behauptet habe. (anm.: nämlich, daß das verhältnis zwischen giacomo und sybil von beginn an platonisch war.)

man könnte noch unendlich viele beispiele in dieser form vorlegen, aber egal! eines ist sicher, für mich wurde dieses buch nicht geschrieben. ich möchte es, auch wenn es so klingen mag, nicht schlecht machen. dazu bin ich letztendlich nicht berechtigt. trotzdem sei es mir erlaubt, zu sagen, jeder investierte cent tut mir im nachhinein weh. und dem nicht genug, vor allem schmerzt mich die verschwendete zeit. hätte ich in dieser doch nur der wunderbaren musik von puccini gelauscht! denn die ist immer noch – und immer wieder – ein nahezu unbeschreiblicher genuss!
zum abschluss noch eine letzte negative anmerkung: nie, nicht eine zeile lang hat man den eindruck, krausser verehre die person, über die er hier „berichtet“. denn neben all den gefühlen des „maestro“ bleibt sein bemerkenswertes gesamtwerk ebenso farblos, wie schlichtweg alles, was zwischen diesen zwei buchdeckeln zu finden ist. letzendlich ist dies also ein blutleeres, kraftloses geflecht aus sterilen beschreibungen …

und genau dies, hat ein meister wie puccini nun wirklich nicht verdient. an dieser stelle sei noch auf puccini.com verwiesen. wenn man sich die musikstücke angehört hat, wird man mir hoffentlich zustimmen, dass es nahezu unmöglich ist, auch nur eine zeile über puccini zu verfassen OHNE dabei ins schwärmen zu geraten!

(bewertung: 1/5)

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12 Kommentare

  1.  pulmoll  am  23. Juni 2008 um 15:12 Uhr  

    vielleicht hätte herr krausser auch besser daran getan, lieber mal wieder ein drama zu schreiben. die sind nämlich -wie ich finde- sehr lesenswert.

  2.  bernd p  am  22. Juli 2008 um 11:43 Uhr  

    selten einen so dämlichen kommentar zu einem großartigen und superspannenden buch gelesen. kann es vielleicht sein, daß Sie rein gar nichts von großer Literatur verstehen? Ja? Haben Sie an diese Möglichkeit mal gedacht? Und ausgerechnet eine wunderbar witzig-vertrackte Stelle wird als angeblicher Beweis stilistischer Unzulänglichkeit präsentiert. Lächerlich. Angesichts der überwältigenden Mehrheit geradezu hymnischer Kritiken sollte man sich selbst vielleicht mal in Frage stellen.

  3.  b_  am  23. Juli 2008 um 08:03 Uhr  

    hallo lieber bernd p.

    ich kann ihre meinung durchaus verstehen, oder besser: vor allem auch akzeptieren. was ich etwas schade finde, ist der eher ruppige ton, den sie hier anschlagen! sie brauchen mich nicht persönlich angreifen, nur weil ich ihre meinung nicht teile.

    denn das ist es auch, worum es hier letztendlich geht: eine MEINUNG. sie finden das buch gut, ich eben nicht. das wars schon. und das hat rein gar nichts mit „verständnis von großer literatur“ zu tun. vielleicht eher etwas mit „geschmacksache“ … viele menschen sehen beispielsweise austern als delikatesse … wenn man sie nicht mag, hat man dann automatisch kein gespür für gutes essen?

    auch möchte ich anmerken, dass dies keine „literatur-kritik-website“ ist, sondern ich hier lediglich – und da sind wir wieder beim thema – meine persönliche MEINUNG sage. wenn ihnen der roman von herrn krauser gefallen hat, wunderbar! sind sie doch glücklich damit, freuen sie sich! in diesem sinne, einen schönen tag!

    lg.
    b_

  4.  Danni  am  23. Juli 2008 um 20:10 Uhr  

    Bravo Bernd!!!!
    Wann liest Du denn x wieder???
    LG von Danni!

  5.  Birgit  am  25. Juli 2008 um 16:26 Uhr  

    Hallo Bernd,

    tut mir leid dass Du im Moment soviel Pech hast bei der Buchauswahl – und dann auch noch komische Kommentare. Ich selbst kann nicht klagen, ich hab mich in der letzten Zeit gut mit James Hamilton-Paterson unterhalten, probiere wieder mal einen schrägen Steinfest und in meinem Regal der ungelesenen Bücher warten so vielversprechende Autoren wie Brigitte Reimann und Markus Werner.

    Ich hoffe Du findest mal wieder ein schönes Buch. Den Vergleich mit den Austern find ich durchaus passend!

    Liebe Grüße
    Birgit

  6.  b_  am  28. Juli 2008 um 08:15 Uhr  

    hallo zusammen!
    gute frage … ich hoffe, dass ich mich demnächst mal wieder auf ein buch konzentriere kann … freu mich jedenfalls, dass ihr trotzdem immer so fleissig hier vorbei schaut!
    schöne woche!

    bernd

  7.  nadja  am  30. Juli 2008 um 16:50 Uhr  

    Wenn auch etwas verspätet, möchte ich auch noch schnell meine Meinung loswerden:

    leider muss ich Bernd in jeder Hinsicht zustimmen. Ich hatte mich sehr auf das Buch gefreut. Puccini an sich ist eine tolle Vorlage, viel gemacht hat Herr Krausser daraus nur eben nicht. „Steril“ ist ebenso bezeichnend wie „langatmig“, von „Spannung“ möchte ich erst gar nicht sprechen.

    Wieder einmal schade….

    Na vielleicht klappt’s ja bei unserem nächsten „Projekt“.

  8.  julia haber  am  8. August 2008 um 01:49 Uhr  

    zufällig bin ich auf ihrer seite gelandet, und habe die kommentare zu kraussers großartigem neuen buch gelesen. nun, ich glaube, das ganze hat, und das meine ich nicht beleidigend etwas mit lebenserfahrung und geistiger reife zu tun. natürlich ist das buch nichts für jemanden, der sozusagen komprimierte action sucht. vielleicht muß man, wie ich, erst vierzig geworden sein und etliches hinter sich gebracht haben, um so vieles wiederzuerkennen, was krausser mit unendlich subtiler präzision wiedergibt. nebenbei ist das ganze natürlich eine sehr exakte biographie, die nur durch den enormen schauwert, die grotesken details etc. nach dem genrebegriff „roman“ schreit. Mein tip, ohne daß ich weiß, wie alt Sie sind: Lesen Sies in 20 Jahren nochmal. Mich hat das buch bewegt wie kaum je eins zuvor. Es schafft den spagat, alles große und niedrige, was ein leben zu bieten hat, wie selbstverständlich nebeneinander zum blühen zu bringen, mit einer lakonischen sachlichen sprache, und geschickt eingestreutem pathos, das deshalb nicht auffällt weil es den situationen adäquat ist, wo immer es erscheint. und der autor liebt Puccini selbstverständlich, ebensosehr wie er über ihn bescheid weiß. Ein Tip für Sie: Lesen Sie FETTE WELT. Sie werden nicht glauben, daß das vom selben Autor stammt. Das könnte was für Sie sein. Besten Gruß

  9.  Turby  am  17. September 2008 um 15:24 Uhr  

    huhu!

    ich bin gerade auf diesem (sagt man vielleicht „dieser“ // wer entscheidet eigentlich welche artikel zu englischstammenden Wörtern gehören sollen? finde nämlich DIE mail und DER blog klingt eigentlich viel schöner!) blog gelandet weil ich auf der suche nach neuer deutscher oder sagen wir besser westeuropäischer literatur bin.
    ich lese (teilweise) helmut krausser sehr gerne, hab gerade „eros“ durch und fand den gar nicht schlecht, nur der schluss war ein bisschen übereilt, oder vielleicht sag ich besser abgeschnitten. hatte da irgendwie den eindruck mit leeren händen dazustehen, hatte ich doch die beiden hauptprotagonisten des buches schon liebgewonnen. frag mich ob der aufhänger des buches (sterbender millionär engagiert schreiberling für seine memoiren) der realität entstammt und der autor sich desshalb zurückgehalten hat dem roman noch irgendein zufriedenstellendes oder auch überraschendes ende zu geben.

    tschuldigung… ich schweife ab. wollte gerade erzählen das ich 9 jahre im nichteuropäischen ausland gelebt habe und in dieser zeit kaum neues aus deutschland gelesen habe. ich dachte ich frag mal ob jemand lust hat mir was zu empfehlen. neben helmut krausser ist ralf rothmann einer meiner liebsten deutschen buchstabenakrobaten (die romane, mag im allgemeinen keine kurzgeschichten und dergleichen), erinnere mich noch das mir auch ingvar ambjornsen sehr gefiel.

    hoffe die anfrage ist nicht fehl am platz und grüsse herzlich

    turby

  10.  b_  am  18. September 2008 um 08:46 Uhr  

    hallo turby,

    die anfrage ist keinesfalls fehl am platz … nur bin ich im moment leider ein wenig aus dem thema … grundsätzlich gibts es so viele deutschsprachige schriftsteller, so dass es natürlich nicht einfach ist eine empfehlung auszusprechen. ich mag beispielsweise peter stamm sehr gern, aber auch christoph hein … wenn es um eher schräge literatur (in richtung krimi) geht, dann kann man wohl heinrich steinfest immer wieder empfehlen …

    vielleicht guckst du dich mal auf der seite des deutschen buchpreises um … hier werden ja „anscheinend“ die besten deutschsprachigen bücher des jahres ausgesucht … ganz interessant ist sicher auch der FAZ lesesaal zu diesem thema …

    lg.
    bernd

  11.  Turby  am  18. September 2008 um 09:38 Uhr  

    hallo bernd,

    und vielen dank für die antwort. bin gerade am browsen und hab zu peter stamms webseite http://www.peterstamm.ch/ gefunden. wie zu erwarten von einem schweizer eine wahre augenweide… lese gerade ein bisschen in seinen satireschriften und ich glaub seine höflich bissige art liegt mir. auch der titel „ungefähre landschaft“ macht mich neugierig, ganz im gegensatz zu ralf rothmanns titelwahl: hätte ich nicht „stier“ oder „wäldernacht“ gelesen würde ich mich wohl kaum für seine neueren titel („junges licht“, „rehe am meer“ oder „flieh mein freund“) mit den hässlichen covern interesieren. christoph hein ist, glaube ich, nichts für mich.
    gestern abend hab ich mit „ostersonntag“ von harriet köhler begonnen, kann ich nur ans herz legen, es geht um den zerfall des selbstbildes eines in die jahre gekommenen ehepaares und die soziale orientierungslosigkeit deren kinder (wenn ich den anfang richtig interpretiere), die erzählform ist die der stimme des jeweiligen über-ichs.
    ich schau mal bei den buchpreisen vorbei… nochmals danke, freue mich schon auf peter stamm.

  12.  b_  am  18. September 2008 um 10:04 Uhr  

    findest du die cover der rothmann-bücher wirklich hässlich? also ich als „gestalter“ finde sie eigentlich mehr als perfekt. wie die meisten cover aus dem suhrkamp-verlag … aber das tut jetzt nix zur sache …

    ich denke, mit peter stamm kann man grundsätzlich nicht viel falsch machen!

    ostersonntag hab ich auch gelesen und war sehr angetan davon!

    vielleicht bekommst du ja noch ein paar tipps von anderen besuchern …

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