WARLAM SCHALAMOW – DURCH DEN SCHNEE.

es wird sicherlich leser geben, denen der name schalamow kein begriff sein wird. auch ich war einer davon. es gibt auch gewiß menschen, die sich womöglich weigern, dieses buch zu lesen. zurecht, denn dies ist wahrlich keine leichte aufgabe. zwingen kann man letztendlich niemand dazu, aber man kann wenigstens versuchen, jeden darüber zu informieren.
die rede ist von durch den schnee – erzählungen aus kolyma I. es sind berichte aus einer unvorstellbar brutalen welt. verfasst hat sie der russische autor warlam schmalow. und er erzählt hier von seinen erlebnissen aus den „besserungslagern“, in denen er über 17 jahre gefangener war. eine unvorstellbar lange zeit. „unvorstellbar“, dieses wort kann man in diesem zusammenhang nicht oft genug gebrauchen, denn man findet wahrlich nicht die richtigen worte für das, was die menschen dort durchmachen mussten. unmenschliche zwangsarbeit unter den übelsten bedingungen. gewalt, schläge, hunger. und doch tritt dies bei schalamow schon fast ein wenig in den hintergrund. vorrangig war es die kälte, die aus einem normalen menschen ein wrack machte. und wenn man kälte sagt, muss erwähnt werden, dass es sich hier um temperaturen von bis zu minus sechzig grad handelte:
ein thermometer bekamen die arbeiter nicht zu sehen, und das war auch nicht nötig, zur arbeit ausrücken mussten sie bei jeder temperatur. außerdem konnten alteingesessene den frost auch ohne thermometer fast exakt bestimmen: wenn frostnebel herrscht, dann sind es draußen minus vierzig grad; wenn die luft beim atmen mit geräusch ausfährt, doch das atmen noch nicht schwer wird, sind es fünfundvierzig; wenn das atmen ein geräusch macht und kurzatmigkeit dazu kommt, sind es fünfzig grad. bei über fünzig grad – gefriert die spucke in der luft. die spucke gefror in der luft schon seit zwei wochen.
kann ein mensch so etwas ertragen? er kann. jedenfalls hat der autor all diese qualen überstanden. auch hier muss man wieder sagen, es ist unvorstellbar. es fällt mir nicht leicht über dieses buch zu schreiben. weil es nahezu unmöglich ist, die passenden worten für all den schrecken zu finden, der hier beschrieben wird. schalamow aber hat es geschafft. hier ein paar beispiele:
wir alle waren es gewöhnt, den sauren geruch von getragenen kleidern, von schweiß zu atmen – nur gut, daß tränen keinen geruch haben.
um einen gesunden jungen mann, der seine karriere in der goldgrube an der frischen winterluft beginnt, in einen dochodjaga ((dem tod näher als dem leben)) zu verwandeln, braucht es im lager zumindest zwanzig bis dreißig tage bei sechzehnstündigem arbeitstag, ohne ruhetage, bei systematischem hungern, zerrissener kleidung und unterbringung im löchrichen planenzelt bei sechzig grad frost, mit prügel von den vorarbeitern, den ältesten, die ganoven sind, und den begleitposten.
der vertreter mustert mich. meine zerissene jacke, die speckige feldbluse ohne knöpfe, die den schmutzigen körper mit aufgekratzten läusebissen freigibt, die stoffetzen, mit denen die finger verbunden sind, die flechtschuhe an den füßen, flechtschuhe bei sechzig grad frost, die entzündeten hungrigen augen, die maßlose knochigkeit – er weiß genau, was all das bedeutet.
eigentlich wollte ich nach ein paar seiten gar nicht mehr weiterlesen. doch der autor schafft es, dass man dieses buch nicht mehr aus der hand legen kann. man folgt den ereignissen, egal wie schrecklich sie auch sein mögen. fast könnte man sagen, man hat den eindruck zwischen diesen zwei buchdeckeln gefangen zu sein. ähnlich wie der schriftsteller seinerzeit in den lagern der kolyma-region.
beeindruckend ist vor allem auch schalamows sprache und die art und weise mit der er hier über alles berichtet. das ganze ist in solch einer messerscharfen härte verfasst, die so gut wie keine gefühle beschreibt. alles klingt so unglaublich nüchtern, vergleichbar kalt wie die temperaturen, mit denen schalamow zu kämpfen hatte. letztendlich „erzählt“ er nur, er urteilt nicht.
was gibt einem solch eine lektüre mit auf den weg? am ende macht sie – trotz all der grausamkeit – doch ein klein wenig glücklich! denn probleme, welche wir oftmals als schwerwiegend ansehen, erscheinen nach diesem buch mehr als nichtig.
im fall „durch den schnee“ gibt es nur ein fazit. dies ist literatur, die man gelesen haben MUSS. dies ist literatur wie sie eindrucksvoller und wichtiger nicht sein kann. ich kann nur jedem raten, sich mit diesem grandiosen autor näher zu beschäftigen. und man muss vor allem dem berliner verlag matthes & seitz unendlich dankbar sein, dass schalamow nun auch dem deutschen publikum zugänglich gemacht wurde. und für die mühe und den einsatz, eine komplette werkausgabe zu veröffentlichen. weitere bände werden folgen. dies ist also nur der anfang. iris radisch begann die vorstellung des buches im letzten „literaturclub“ mit den worten: „ich verneige mich vor diesem autor“. dieser aussage kann man nur zustimmen! (bewertung: 5/5)
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