MARK Z. DANIELEWSKI – DAS HAUS.

eigentlich wurde ich eher durch zufall auf dieses mammutwerk aufmerksam. ein relativ unscheinbarer, kurzer titel: das haus, dazu aber eine fotografie von einem doch eher ungemütlichen gebäude. mein interesse war geweckt und so hab ich ein paar weitere infos eingeholt …
und hier war schon sehr bald klar: eigentlich kommt man an diesem buch nicht vorbei, wenn man sich auch nur ein klein wenig für zeitgenössische literatur interessiert. mir gings jedenfalls so, ich musste es einfach haben. noch war mir nicht so recht bewusst, was ich mir damit aufgehalst hatte. denn dies ist sicherlich kein sonderlich „leichtes“ werk. im gegenteil. schon alleine die größe und das gewicht (1,5 kg) sorgen für anstrengende lesestunden. dies wäre aber wahrscheinlich noch zu verkraften. denn ebenfalls schwer erscheint der inhalt. und das wird einem schon nach wenigen seiten bewusst. so ist es schon mal nicht gerade einfach die handlung zu erklären. das liegt vor allem an dem ungewöhnlichen aufbau des ganzen. um es kurz zu machen: ein mann namens navidson hat eine art dokumentarfilm gedreht. dieser film handelt von dem „haus“ und wird in fachkreisen schon sehr bald als kultfilm gehandelt. über diesen film berichtet ein autor namens zampanò. als dieser stirbt, entdeckt der junge johnny truant das manuskript und veröffentlicht das ganze. so weit, so gut, damit könnte man sich ja vielleicht noch anfreunden. und das, weil vor allem auch der einleitungstext von johnny auf viel hoffen lässt:
wenn ihr schwein habt, dann werdet ihr dieses machwerk einfach abtun, werdet so reagieren, wie zampanò es sich erhofft hat, werdet sagen, dass es unnötig kompliziert ist, sinnlos beschränkt, weitschweifig – denkt euch was –, albern konstruiert, und ihr werdet das auch alles glauben, und dann legt ihr’s beiseite – obwohl mich dieses kleine wort „beiseite“ selbst jetzt noch erschaudern lässt, denn was legt man schon einfach so beiseite? – und dann macht ihr weiter, esst und trinkt, seid guter dinge, und in den allermeisten fällen schlaft ihr auch ganz ordentlich. kann aber auch gut sein, dass es euch nicht so geht.
und trotzdem scheint es so, als warnt danielewski den aufmerksamen leser schon nach ein paar seiten: unnötig kompliziert, sinnlos beschränkt, weitschweifig, albern konstruiert! wie recht er doch hat! aber dennoch – ich denke, ich wäre fasziniert von der geschichte gewesen, aber leider nicht vom aufbau des „romans“. und hier mal so nebenbei: wer bitte kommt eigentlich auf solch eine dumme idee, dieses buch überhaupt als „roman“ zu bezeichnen? schon eher ist das ganze eine art sachbuch, was wiederum schon sehr schnell klar macht, dies ist keine unterhaltungslektüre! nein, das ganze ist mit arbeit verbunden. und darauf habe ich im moment einfach keine lust. vielleicht auch nicht den nötigen freien kopf! mittlerweile habe ich etwa 100 seiten gelesen und bin nun an dem punkt angelangt, das buch ins regal zurück zu stellen. es tut mir leid, für mich scheint dieses labyrinth aus buchstaben nicht gemacht zu sein. um ehrlich zu sein, ich fühle mich richtiggehend verarscht von diesem schwachsinn.
ich kann es schwer beurteilen. zwei möglichkeiten, entweder der autor dieses werks ist so dermaßen genial, dass ich als leser wiederum bescheuert bin, weil ich diesen mist nicht begreife. dann geht der punkt an ihn – ich bin einfach zu dumm! oder – der autor ist vollkommen durchgeknallt und lacht sich insgeheim ins fäustchen, weil dieses 800-seiten-geschwätz solch ein bestseller geworden ist. aber auch dann geht der punkt an ihn, denn ich war trotzdem blöd, weil ich mir das buch gekauft habe!
und – ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass viele, die diesen roman (ich bleibe jetzt dabei, auch wenn ich anderer meinung bin) als ach so brilliant bewerten, ihn womöglich gar nicht gelesen haben. oder eben soweit, wie ich gerade. denn nirgendwo konnte ich mehr erfahren, als das was ich mir bisher „erarbeitet“ hatte.
ein paar eindrücke: man liest im „navidson record“. wunderbar, das ganze erscheint relativ spannend, auch wirklich interessant. beispielsweise erfahren wir, dass das „haus“ innen größer ist als außen. wir werden zeuge, wie urplötzlich räume auftauchen, die vorher noch nicht vorhanden waren. das ganze macht wirklich lust auf mehr. doch viel weiter ist man nach diesen 100 seiten nun leider nicht. denn der text wird immer wieder unterbrochen von unzähligen (wahrscheinlich größtenteils) fiktiven fußnoten des autors. und diese sind sowas von unbedeutend, dass man sie getrost überlesen kann. aber – man macht es nicht, weil man denkt, womöglich etwas wichtiges zu verpassen. nun gut. zu den anmerkungen von zampanò gesellen sich leider auch noch bemerkungen von johnny truant. diese sind teilweise recht amüsant, lenken aber voll und ganz von der eigentlichen handlung ab. der gipfel war dann für mich, ein vermerk auf den anhang, den man sich zu gemüte führen kann, um diesen typen besser zu verstehen. aha! aber was findet man? ca. 50 seiten briefe von johnnys mutter aus der nervenklinik. diese sind allerdings so dermaßen langweilig und für den rest des buches so unglaublich sinnlos (jedenfalls erscheint dies zum derzeitigen zeitpunkt so), dass man sich nach diesen 50 seiten mehr als ärgert, den verweis nicht ignoriert zu haben. und das war dann für mich der punkt zu sagen: nein! du kannst mich mal lieber autor! oder das ganze so abzuhandeln: ich bin froh, dass ich nun dieses typografische meisterwerk mit den zahlreichen verrückten seiten im regal stehen habe. am besten stelle ich es neben „ulysses“, auch so ein buch, dass alle achso genial finden, obwohl es letztendlich kein schwein wirklich gelesen hat!
also – abgestellt! wenigstens im moment. denn gerade ist mir meine zeit wirklich zu schade für solch eine werk. vielleicht werde ich das teil nochmal irgendwann zur hand nehmen. dann aber bestimmt nur, wenn ich genügend zeit dafür habe. oder besser gesagt, genügend muse, um mich mit dem ganzen zu beschäftigen. vielleicht hoffe ich auch auf meinungen von lesern, die dieses labyrinth wirklich bewältigt haben. vielleicht lasse ich mich dann auch überzeugen und mich dazu überreden, dass das ganze am ende doch die mühe wert ist. so lange mache ich aber pause und lasse den kult um „das haus“ noch ein wenig weiter aufblühen. eines sei noch gesagt, ein großes lob an all die macher dieses werkes. typografisch ist dies ein wirkliches unikum. als mediengestalter verneige ich mich ganz tief und respektiere die unendliche arbeit, die hier vollbracht wurde. ebenfalls auch ein riesiges lob an die übersetzerin, eine regelrecht fleißaufgabe. respekt!
genug gesagt! eine bewertung kann ich nicht abgeben. vielleicht wird diese ja noch folgen …
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so wunderbar wahr und zynisch kann nur einer kommentieren! danke buchgott bernd, für die kurze einführung in das momentan meist-gehypte buch!
ich hatte nämlich eigentlich schon die finger nach dieser verheißungsvollen lektüre ausgestreckt (vor allem, weil es durch seine tatsächlich sehr akrobatische typografie ein knüller ist – kein wunder, das der verlag laut dem magazin „stern“ drei jahre für den satz des buches gebraucht hat), aber nach deinem bericht habe ich meine hand ganz fix wieder zurückgezogen.
aber es würde mich trotzdem hoffe ich insgeheim, das du bald ungefähr drei wochen am stück urlaub hast und dem „haus“ nochmal eine chance gibst…
liebe kirsten,
mal wieder ein großes danke für deine lobenden worte. freu mich sehr. wobei „buchgott“ naja!
du musst dir überlegen, ob du dir die zeit für so ein mammut-projekt nehmen willst. alldenjenigen, die nur mal ne halbe stunde pro tag zeit zum lesen haben, rate ich persönlich dringenst ab!
„rein obbdisch“ ist das buch natürlich echt große klasse, da gibts gar nix!
wie gesagt, vielleicht werde ich mich nochmal irgendwann drüber machen. ansonsten hoffe ich erstmal auf weitere meinungen. vielleicht ist ja außnahmsweise auch mal ne negative dabei, die meinen abbruch rechtfertigt …
och mensch, nehmt euch doch wenigstens mal a bisserl zeit, bevor ihr dieses meisterwrk der verrätselung abtut. kleiner tip – anfangsbuchstaben bei scheinbar sinnlosen aufzählungen zusammenziehen, die briefe der mutter sind codiert, manche englischen sätze lautmalerisch einer anderen sprache (latein, deutsch etc.) zuordnen (ja, ICH habe ulysses gelesen, 8 mal), fussnoten im internet recherchieren, und so weiter, das buch macht einen solchen spass – dann lest mal weiter harry potter, ihr einfaltspinsel (sorry, aber buchgott – junge junge, wass man sich im netz so erlauben kann….)
hallo johnny,
erstmal danke für deinen kommentar. zwei sachen vorweg: ICH sehe mich keinesfalls als „buchgott“, also locker bleiben! und zweitens, ja ich mag harry potter und stehe auch dazu. und zwar weil diese bücher eines perfekt schaffen, gut zu unterhalten. und das ist für mich immer noch der wichtigste grund, warum ich überhaupt lese. und – so viel sei zu meiner verteidigung noch erlaubt – ich lese jetzt nicht unbedingt NUR kinderbücher, bei denen man das hirn an keiner stelle anstrengen muss.
so, nun zum „haus“. wie ich ja schon geschrieben habe, werde ich mich irgendwann sicherlich nochmal an dieses buch wagen. allerdings ist das, was du als „spass“ bezeichnest für mich eher anstrengende „arbeit“. vielleicht müsste ich bei diesem werk wirklich mal umdenken. denn das hier geht scheinbar nur mit viel mühe oder sagen wir besser: mit viel zeitaufwand. jedenfalls was meine bisherigen lesegewohnheiten betrifft. ich habe halt einfach nur angst, dass ich für diese anstrengung am ende nicht belohnt werde.
das mit dem „tipp“ war auch nett gemeint, ganz so dumm bin ich übrigens auch nicht, aber mir war es wirklich zu stressig, aus einem dreiseitigen text die anfangsbuchstaben zu notieren um daraus wieder ne info zu enträtseln. das hat aber nichts mit DUMM zu tun, sondern mit FAUL! somit reagiere ich jetzt mal nicht auf den einfaltspinsel und nehme mir deine worte zum anlass, es irgendwann nochmal zu probieren … denn auch wenn ich angst habe, dass mich das ganze projekt am ende vielleicht nicht befriedigen könnte, lese ich aus deinen eher harten worten ja doch heraus, dass sich das ganze letztendlich doch lohnt …
lg.
b_
hallo johnny,
erfreulich, einen weiteren haus-leser zu hören! und du hast natürlich recht: das buch fordert ganz einfach einen beträchtlichen zeittribut und liest sich nicht im vorbeigehen. aber die tatsache, das es einen aussergewöhnlichen aufbau hat und das lesen zu einer gewissen schnitzeljagd macht, genügt meines erachtens nicht, um es als über-buch auszuzeichnen. ich sehe das buch viel mehr als gesamtkunstwerk denn als rein literarisches meisterwerk. denn das es das momentan ausgefallenste buch ist, steht ja ausser frage.
und apropos einfaltspinsel: buchgeschmack ist – wie bei so vielen dingen – meist eine sehr subjektive sache. und mir stellt sich die frage, ob es so sehr viel origineller ist, ulysses 8 mal zu lesen (und immer noch nicht verstanden zu haben…?) oder SOWOHL harry-potter-mainstream ALS AUCH James Joyce zu konsumieren. polarisieren werden offensichtlich auf ewig beide werke.
das „haus“ ist auf jeden fall eine herausforderung, sicherlich kein standardwerk für den klassischen harry-potter-oder-bastei-lübbe-leser. und ich will auch hoffen, das es mich irgendwann einmal wieder zwischen seine seiten zieht…
p.s. die titulierung „buchgott“ stammte im übrigen von mir, nicht vom besitzer der seite. denn in meinen augen schafft es bernd, einen zahlreichen und schönen querschnitt an literatur vorzustellen – und weil er meist meinen geschmack trifft, schätze ich ganz einfach seine beiträge.
einfaltspinsel an schmalspurschlaumeier: wenn ich ein bedürfnis nach lustiger silbentransformation mit bastelcharakter habe, kaufe ich mir ein rätselheft. aber keine literatur. nicht jedes abgefahrene buch erhält nur wegen eben diesem status gleich das prädikat muss-ich-unbedingt-mindestens-achtmal-gelesen haben. es sei denn, man hat einen kleinen minderwertigkeitskomplex und muss sich unbedingt vom hera-lind-lesenden pöbel absetzen. was zwar einserseits verständlich ist. aber ein „superweib“ wird ja auch nicht spannender, nur weil sich der verlag einen originellen schrägsatz mit rätselhaften querverweisen zu etwaigen kochrezepten einfallen lässt.
und wie schon john osborne erkannte: auch das schlechteste buch hat seine gute seite: die letzte!
zur güte sei gesagt: ich finde das buch vor allem satztechnisch sehr ansprechend – aber um diesem werk vom leseaufwand her gerecht zu werden, fehlt mir offen gestanden schlichtweg die zeit.
Bernd, Du schreibst ja selber umsichtig, dass Du womöglich derzeit nicht in der richtigen Stimmung für »Das Haus« bist. Entsprechend mit Gewinn kann ich Deine (vorläufige) Rezi zu den ersten 100 Seiten entgegennehmen. Ich selber bin (auf Englisch) etwa genau so weit im Labrinth des Romanes unterwegs und finde ihn spannend, facttenreich und ja, auch anstrengend. — Ich kann mich outen als einer, der Harry Potter (1 x durch die Septalogie), Ulysses (4 x gelesen) und eben auch »Das Haus« mag. Ich geb zu: ne Seelenmassage oder einen überschaubaren Abenteuertripp bereitet das Teil nicht. Aber ich hatte anscheinend Glück und den Wahnsinn in der richtigen Stimmung begonnen. Immerhin berichtest Du ja von den schalkischen Facetten, wenn Danielewski eben selbst die kommende Abwinkkritik vorwegnimmt, und nicht umsonst begegnet man zu Beginn dem Beethoven’schen »Muss es sein?« … muss es freilich nicht, wenn man keinen Bock hat.
Einen vielleicht nützlichen Rat möcht ich noch anbringen: was hindert uns Leser daran, ein derart verspieltes Buch mit größerer Freiheit zu goutieren. Man muß ja nicht sklavisch von Seite 1 bis zur letzten lesen. Vielleicht liegt es ja meiner Ungestümheit und immer wieder mal durchbrechenden Rastlosigkeit, aber mir macht es enorme Freude, wenn Romane sich mir als Spielwiese, als Herumtollgefilde anbieten. Wenn ich also darin vor- und zurück-blättern kann nach Lust und Laune und auf Entdeckungsstromerei ›schöne Stellen‹ finde. Ein solches ›Spielebuch‹ ist »Das Haus«. Was z.B. den verschlüsselten Brief von Johnnys Mutter betrifft: auch da hatte ich Glück, weil ich da auf einer langen Bahnfahrt eben was zu tun hatte (nebenbei: die Auflösung könnt ich Dir auf Englisch zukommen lassen … IST ganz schon spooky).
Lange Rede kurzer Sinn: auch wenn ich also so gar nicht Deine Meinung teile, wollt ich melden, dass Du dennoch fair und verständlich zu ›lästern‹ vestehst. Das kann nicht jeder.
hallo molosovsky, erstmal danke für deinen kommentar …
welches man nicht mal bis zum ende gelesen hat. ich warte jetzt einfach noch ein bisschen ab und versuche das ganze vielleicht nochmal im nächsten urlaub …
du hast wahrscheinlich recht. vielleicht liegt es wirklich ein wenig an der „stimmungslage“. wie schon gesagt, in gewissen sinne ist diese lektüre natürlich schon ein klein wenig mit „arbeit“ verbunden.
nach all den kommentaren war ich schon nah dran, das buch nochmal zur hand zu nehmen.
denn letztendlich ist es natürlich schlichtweg ungerecht über ein buch zu „lästern“
es gibt einige bücher, die ich ins regal zurückstellen wollte, weil sie mir erstmal nicht gefallen haben. und dann wurde ich am ende mehr als positiv überrascht. ist ja oft so. es gibt aber auch werke, durch die ich mich regelrecht gequält habe und am ende enttäuscht war. ach egal, man kann es nie wissen!
und natürlich ist literatur wie so vieles einfach geschmacksache (zum glück, wäre sonst ja auch langweilig!).
jedenfalls nochmal danke für den netten kommentar …
gruß
bernd
Gern geschehen.
Ich mag launische und ›unfaire‹ Rezis, wenn die eben nicht getarnt als totale Durchblicker-Objektivität daherkommen. Gerade die Leseerlebnisse, die nicht klipp und klar zu einem »Buh!!!« oder »Hurrah!!!« führen, stattet der umsichtige Rezensent deshalb mit entsprechenden Signalen der skeptischen Selbst-Beobachtung aus, so wie Du hier schön vorführst.
Der Behauptung, das Urteile zu Büchern immer und ausschließlich reine Geschmackssache sind, könnt ich nun entgegenhalten, dass es meiner Meinung durchaus sowas wie ›objektive Qualitätskriterien‹ gibt. Aber ich will mich nicht unfreundlich vom Thema abbiegend hier lang darüber verbreiten, sondern nur kurz folgende Illustration anbieten:
Einerseits läßt sich wohl kaum endgültig und allgemein nachvollziehbar darlegen, ob z.B. Proust oder Joyce die bessere 20er/30er-Jahre-Avantgarde-Ziegel abgeliefert haben, ABER dass zwischen z.B. Hera Linds »Das Superweib« und Annie E. Proulx »Schiffsmeldungen« Qualitätswelten zugunsten letztgenannter Autorin liegen, sollte (meiner Ansicht eben) eigentlich jeder halbwegs bewanderten Leseratte einleuchten, oder?
Grüße
Alex / molo
vielleicht hast du recht, natürlich ist nicht alles „ausschließlich“ geschmacksache. und so hast du natürlich auch recht mit deinem vergleich!
aber nehmen wir z. b. mal paulo coelho her (sorry, mir fällt grad nichts blöderes ein). es gibt unzählige leser (was die bestsellerlisten recht deutlich machen) die diesen autor nahezu „vergöttern“. ich finde seine bücher schlichtweg den letzten müll. hierzu muss ich übrigens kurz denis scheck zitieren, der in der letzten druckfrisch-sendung folgendes gesagt hat:
coelho? sie meinen diese weichgespülte esoterik-scheiße mit den vielen ratschlägen für menschen, die ihr glück suchen, das angeblich an der spitze von pyramiden oder unter bäumen auf uns wartet?
diese aussage fand ich persönlich reichlich witzig und mehr als treffend. aber warum mag ich seine bücher nicht? weil ich sie schlichtweg grottenschlecht geschrieben finde und seine themen, weisheiten, vergleiche und lebensratschläge mehr als haarsträubend sind? ich persönlich kann nicht nachvollziehen, warum dieser autor so unendlich viel erfolg hat. aber ist das ganze nicht vielleicht doch auch einfach geschmacksache? vielleicht mögen andere seine schwülstige sprache. vielleicht gehen diese menschen nach der lektüre einfach glücklicher durchs leben … egal …
nicht zu vergessen ist außerdem, dass jeder leser wahrscheinlich eine andere einstellung zur literatur hat. der eine möchte etwas lernen, der nächste will gefordert werden und viele sehen das lesen vielleicht nur als zeitvertreib. mir geht es mal so, mal so. machmal macht es mir nichts aus, wenn ich mein hirn ein wenig anstrengen muss. zu anderen zeiten will ich einfach gut unterhalten werden, dem tristen alltag entfliehen. und da darf es auch mal ein anspruchsloser krimi sein oder ne kitschige liebesgeschichte. wobei wir hier wieder bei deinem vergleich sind – hera lind muss es dann doch nicht sein
Als ich das erste Mal auf „Das Haus“ gestoßen bin, war mir recht schnell klar, daß ich dieses Buch (und seinen Nachfolger „Only Revolutions“) auf jeden Fall lesen will. Mag sein, mich hat „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell, den ich allerdings in meiner Blogpause gelesen hatte und somit nicht im neuen Blog erwähnte, inspiriert, der Frage nachzugehen, was man vor allen Dingen formal experimentieren kann, um die Gattung Roman neu zu beleuchten. Ich habe – aus finanziellen Gründen – auf die englischsprachige Ausgabe zurückgegriffen, was mir jetzt, nachdem ich das Buch ein wenig durchgeblättert habe, ein wenig Kopfschmerzen bereitet und die Lektüre erstmal nach hinten verschoben hat, da ich nicht ausschließen kann, daß ich denn doch überfordert wäre. Zudem bin ich gerade in einer Phase, ein Weblog wieder zu etablieren, das ich vor gut einem Jahr nach zweieinhalb Jahren Existenz eingestampft hatte. Das erfordert erstmal eine recht hohe Frequenz an Einträgen, die dennoch meinen Qualitätsanforderungen genügen sollen. Grundsätzlich bin ich aber schon der Meinung, daß Lesen nicht nur Konsumieren, Genießen ist bzw. sein soll, sondern daß damit auch – nicht illegitim – auch Arbeit verbunden ist bzw. sein sollte. Ich verlange von mir auch nicht, ein Werk hundertprozentig und mit literaturwissenschaftlicher Akkuratesse zu verstehen, nur daß ich in der Lage bin, für mich Sinnzusammenhänge entstehen zu lassen und einen persönlichen Bezug zum Buch zu entwickeln. Ich habe ebenfalls Joyce mehrmals gelesen – und zumindest das ist mir da gelungen, nebenbei habe ich mich äußerst freudig auf gewisse sprachlich – literarische Spielereien werfen können. Möglicherweise liegt „Das Haus“ noch Jahre ungelesen bei den anderen 4500 ungelesenen Bänden meiner Bibliothek, vielleicht habe ich Lust, mich in einem der nahenden Wintermonate damit zu beschäftigen. Und es ist durchaus möglich, daß ich mir doch noch die deutsche Übersetzung dazu kaufe…. .
Ich halte es im Übrigen für legitim, ein Buch abzubrechen, auch wenn ich das mir selbst fast nie gestatte. Man kann auch sehr wohl formulieren, weshalb man sich vom Weiterlesen abgehalten fühlt. Ebenso wie Du und molosovsky denke ich auch, daß es unabhängig vom Geschmack Qualitätskriterien gibt. Und ich würde durchaus meinen, daß mir so manches wirklich gute Buch einfach nicht gefallen will. LG tinius
Ein paar Anmerkungen:
Du schreibst, dass die 50 Seiten Mutterbriefe keinerlei Bezug zur Geschichte hätten. Zum einen sind sie sehr wichtig für die folgenden Seiten und zum anderen gibt es auch vorher schon Bezüge – nur man sieht sie nicht leicht.
Das Ganze als Roman zu bezeichnen ergibt Sinn – schließlich erzählt es 1-2 Geschichten und alles, was eine Geschichte erzählt, mehr als 150 Seiten hat und keine Gedicht ist, nennt man Roman – egal, ob es von der Struktur her einem Sachbuch ähnelt.
Du fragst dich, ob das Werk genial oder Geschwätz ist. Nun, irrsinnig Vieles ergibt Sinn und es ist unglaublich anspielungsreich; ob alles einen Sinn ergibt, das weiß ich allerdings auch nicht. (Darum 1-2 Geschichten.) Tertium non datur? Es ist sicherlich mehr als Geschwätz, daher muss es wohl genial sein.
Ob das Ganze etwas für dich ist oder nicht musst (selbstverständlich) du selbst entscheiden. Aber wenn dir das Rätseln kein Spiel sondern Arbeit und das Lösen kein Selbstzweck ist, dann bezweifle ich, dass die Lösung dich für die Arbeit entschädigen wird.
Viel Glück bei der Entscheidung.
Oliver
Ach ja; da es irgendwie wichtig scheint, Stellung zu Ulysses & Harry Potter zu beziehen: Von Ulysses habe ich 1x den Klappentext gelesen und die sieben Potter-Bände habe ich auch 1x gelesen.
herrje, ich sehe schon, dieses buch regt wohl wunderbar zur diskussion an. mein problem ist im moment leider nur, dass ich zwar zu all den kommentaren gerne was sagen würde, dies aber nicht tun kann, weil ich „das haus“ leider nicht zu ende gelesen habe.
mittlerweile war es vielleicht keine kluge idee von mir, überhaupt etwas zu diesem buch zu schreiben. wie schon gesagt, vielleicht tue ich diesem werk bis jetzt auch unrecht. vielleicht hätte es mich am ende begeistert. oder aber auch nicht – aber das zu beurteilen – tja, dazu müsste ich es natürlich erstmal lesen …
trotzdem danke für die zahlreichen kommentare …
Ich frage mich, ob du zwei Jahre später das Buch inzwischen gelesen hast und ob du deine Meinung geändert hast. Ich selbst habe das Buch nämlich bestimmt dreimal angefangen und es nie über Seite 60 hinausgeschafft. Neulich habe ich es dann aber erneut versucht und es diesmal sehr genossen. Ich habe es auch nicht als anstrengend empfunden, habe es hauptsächlich in der U-Bahn gelesen und einen Samstagvormittag damit verbracht. Fußnoten im Internet recherchiert habe ich nicht, wie ein Kommentar hier es vorgeschlagen hat, aber die Fußnoten im Text habe ich doch gleich nachgelesen. Ich fand, sie haben den Textfluß nicht so sehr gestört. Die Briefe von Johnny Truants Mutter hab ich auch gleich gelesen, als darauf verwiesen wurde, und ich fand es nicht schlecht, in dem Augenblick etwas über Johnnys Hintergrundgeschichte erzählt zu bekommen, wenngleich ich die Briefe auch nicht so überragend fand. Aber ich habe mich nicht geärgert, sie gelesen zu haben, wie das bei dir der Fall war.
Grüße,
Suzi