TONY PARSONS – ALS WIR UNSTERBLICH WAREN.

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schon seit ein paar monaten lag dieses buch zwischen all den anderen, die ich noch nicht gelesen hatte. noch vor ein paar wochen hatte ich eine kleine leseblockade und hätte nicht gedacht, dass ich so schnell wieder in meine alten gewohnheiten zurückfinden würde. geholfen hat mir sicherlich ein klein wenig anna, die mich mit ihrem kommentareintrag wieder an tony parsons erinnert hatte. und natürlich der autor selbst, der mir mit als wir unsterblich waren wohl eine der schönsten lesestunden der letzten zeit bescherte.

zwölf zoll auf zwölf zoll, wenn man sie mit beiden händen hielt, sah man nichts anderes. eine platte zu halten war wie ein baby zu halten oder eine geliebte oder ein kunstwerk.

dieses zitat stelle ich hier einfach mal vorran. denn es sagt vielleicht schon mit wenigen worten, was einen hier erwartet: die liebe zur musik. tony parsons autobiografisch angehauchter roman entführt uns ins london des jahres 1977. um genauer zu sein, in die nacht des 16. august 1977. somit ist dies auch ein erinnerungsbuch. nun gut, kann ich mich selbst noch an dieses jahr erinnern? womöglich noch an die musik? bekam ich damals mit, dass an diesem 16. august elvis presley starb? wohl kaum, war ich doch gerade sechs jahre alt. sicherlich hatte ich andere sorgen und wünsche.
einige, die sich dazu entschlossen haben, dieses buch zu lesen, waren womöglich ‚77 noch nicht einmal geboren. was ich persönlich aber noch sehr gut nachvollziehen kann, auch wenn diese liebe erst jahre später erwachte, ist das gefühl eine schallplatte in den händen zu halten. sich darüber zu freuen, gleich die neueste lieblingsmusik über die nadel des plattenspielers ins gehör transportiert zu bekommen. auch ich erlebte zeiten ohne cd, ohne mp-3, ohne ipod. wie wunderbar war es doch, ein richtig schönes cover in den händen zu halten! und wer sich an solche gefühle erinnern kann, der wird sicherlich schon nach wenigen seiten den charme erkennen, den „als wir unsterblich waren“ ausmacht.

in dieser nacht war es unmöglich etwas anderes zu empfinden, als eine art erschöpfter melancholie. alles was er liebte, war dabei ihm zu entgleiten …

melancholie. diese grundstimmung durchzieht zusammen mit der allgegenwärtigen liebe zur musik sicherlich das gesamte buch. doch es ist keine melancholie die bedrückt, die einen womöglich runterzieht. nein, es ist eine durchwegs liebenswürdige malancholie. eine die dieses buch zu etwas ganz besonderem macht. eine stimmung, die keine seite lang auch nur den anschein erhebt, womöglich kitschig zu sein. zusammen mit all den unerhört schrulligen persönlichkeiten entführt uns der autor in eine nacht, die weder die helden selbst noch der leser so schnell vergessen wird.

aber was passiert jetzt eigentlich in dieser einen nacht? zu vieles um hier alles zu erwähnen. schon alleine um allen, die dieses grandiose buch noch vor sich haben, nicht die lust aufs lesen zu verderben. einiges muss trotzdem erzählt werden. mein exemplar ist mittlerweile gespickt von post-its, nahezu keine seite konnte ich unbeachtet lassen. selten habe ich mir so viele stellen markiert.

wie immer würden sie die ganze nacht hier bleiben. über musik reden, musik hören. wodka trinken, bis er leer war, zigaretten rauchen, bis keine mehr da waren.

die helden dieses buches sind drei freunde. alle arbeiten sie in der redaktion des musikmagazins „the paper“. jeder der drei hat unterschiedliche einstellungen zur musik, zur zeit, zum leben. terry beispielsweise, seiner zeit einen schritt voraus. schreibt jetzt schon über künstler, die in naher zukunft die musikrichtung ändern werden. ganz im gegensatz zu ray, der immer noch der alten zeit hinterhertrauert. quasi ein übriggebliebener hippie, dessen vorbilder noch immer die „beatles“ sind. und da ist noch leon, der vor allem politisch interessierte der drei. er würde lieber artikel über den gerade deutlich aufkommenden rassismus verfassen, wird aber blockiert, schreibt er doch eigentlich für ein musikmagazin.

alle drei scheinen ihr leben nicht im griff zu haben. die ganz normal erscheinenden probleme des lebens. probleme mit den eltern, liebeskummer, versagens- und zukunftsängste. dazu natürlich alkohol, drogen, sex. das volle programm! doch alle drei leben regelrecht für „the paper“. und alle drei bekommen in dieser nacht einen auftrag. vorrangig interessant ist dies vor allem in rays fall. er hat gerade vom chefredakteur deutlich hören müssen, dass seine berichte nicht mehr zeitgemäß sind, dass er sich was neues einfallen lassen muss. nur wer sich auch mal über den rand hinaus begibt kann ein echter journalist sein. seine letzte chance, ein interview mit john lennon, der angeblich in dieser nacht in london unterwegs sein soll. schafft er es nicht, ihn zu finden, wird er wohl seinen job verlieren.

er konnte nicht beschreiben, was ihm diese nacht bedeutete – wie er sich in ihr verloren hatte, die musik, der sex. er konnte das nicht in worte fassen. zum ersten mal in seinem leben fehlten ihm die worte.

und so trennen sich die wege der drei freunde, jeder erlebt die haarsträubensten dinge bis sie am nächsten morgen wieder in der redaktion zusammen finden. mehr möchte ich nicht verraten. denn diese tour sollte man selbst erleben. es kommt jedenfalls einiges auf den leser zu. man besucht die abgefahrensten locations in london und trifft auf die skurrilsten typen. einige davon, beispielsweise der wunderbare redakteur skip, haben sich jetzt schon für die ewigkeit in mein gehirn eingebrannt. so schnell werde sie aber alle nicht vergessen. ja, man könnte fast sagen, für mich werden diese helden unsterblich sein.

ähnlich fühlen auch die protagonisten selbst. sie halten sich für unsterblich, sind glücklich, haben sich all ihre träume und wünsche erfüllt um am ende schmerzlich zu erfahren, dass nichts für die ewigkeit sein kann. kaum hat man das was man sich am stärksten wünscht, zerplatzt auch schon wieder alles wie eine seifenblase. das leben geht weiter. alles scheint sich geändert zu haben und doch bleibt wieder alles beim alten. so viel zum thema „melancholie“ … und doch steht über allem die kraft der musik.

musik ist nicht dazu da, die welt zu retten. sie ist dazu da, dir das leben zu retten …

die zeit ändert sich, die klamotten, ja auch die musik selbst und trotzdem bleibt letztendlich alles wie immer. und die probleme die unsere helden zu bewältigen haben, sind dann doch eher zeitunabhängig. somit könnte der roman auch heute spielen. 1977 oder 2007, was spielt das für eine rolle? und was spielt es außerdem für eine rolle, welche musik man hört? dies wird ganz deutlich in einer der für mich schönsten szenen des buches. die drei, am beginn der nacht, noch zusammen, fliehen gerade vor einer schlägerei und landen auf dem dach eines heruntergekommenen hauses. sie schnupfen speed und da liegen sie nun, zugedröhnt. und von weiten hören sie musik. und obwohl diese art von musik sicherlich zu keinem der drei passt sind sie fasziniert davon, ja nahezu verzaubert. es handelt sich um ein stück aus der oper „madame butterfly“ von puccini.

er aber blieb einfach liegen, blickte auf den aufgewühlten himmel über ihm, ließ den regen auf sein gesicht fallen und lauschte, gelähmt von den überirdischen tönen, dieser stimme, deren schönheit er beinahe unerträglich fand.

oper, klassik, rock, pop, punk. am ende ist es doch wirklich vollkommen egal, durch welche art von musik man sich verzaubern lässt. oder welches buch man liest. hauptsache man findet das ganze gut. und gut ist „als wir unsterblich waren“! sehr gut sogar! (bewertung: 5/5)

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4 Kommentare

  1.  anna  am  15. März 2007 um 12:58 Uhr  

    jetzt bin ich aber erleichtert, dass dir das buch gefällt
    wie wäre ich nur da gestanden, wenn du es vernichtend kritisiert hättest
    ;)
    übrigens hab ICH jetzt eine leseblockade, das buch lese ich seit anfang februar
    man muss es einfach schön langsam genießen…
    und obwohl ich ‚77 noch nicht mal in planung war, sammle ich schallplatten
    die schönen cover sind in der größe noch viel schöne

    grüße anna

  2.  Bernd  am  15. März 2007 um 13:53 Uhr  

    :jaaa

    hat mir seeeeehr gut gefallen! jetzt liest mal schön brav, vielleicht können wir dann ja noch ein bisschen drüber quatschen!

    ich muss zugeben, dass meine plattensammlung so langsam in irgendeinem keller verschimmelt. schade eigentlich. wobei ich in diesem fall die musik wahrscheinlich eh nimmer hören könnte. und ich hab seit jahren keinen plattenspieler mehr …
    trotzdem erinnere ich mich sehr gerne an schallplatten zurück. hatte auch irgendwie charme, das geknistere …

  3.  anna  am  16. März 2007 um 09:17 Uhr  

    na mal sehen, jetzt ist ja wochenende und dann komm ich vielleicht da mal zum weiterlesen
    also das mit dem verschimmeln im keller geht ja mal gar nicht *schimpf*
    da muss man was dran ändern!!!

  4.  Bernd  am  18. März 2007 um 23:22 Uhr  

    jawoll! unbedingt. ich finde, es lohnt sich. bin gespannt, wie weit du gekommen bist …

    naja, das mit den platten geht eigentlich wirklich nicht. aber was soll man machen? erstmal bräuchte ich wieder einen plattenspieler und zweitens würde ich das ganze zeug eh nimmer hören …

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